01.12.2015 | 19 : 35 Uhr | ds


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Ringen um Rathausbrücke endet mit Kompromiss

 

Das ein­deu­tige Urteil des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts zuguns­ten der BI machte am Ende doch mög­lich, was in den vie­len Mona­ten zuvor nicht mög­lich schien: einen Kom­pro­miss. Die­ser besagt im Kern, dass die Brü­cke so breit wird, wie von der Ver­wal­tung geplant und auch der öst­li­che Brü­cken­teil nach deren Vor­ga­ben gebaut wird. In der Kon­se­quenz müs­sen die bei­den öst­li­chen Brü­cken­bäume — Göt­ter­baum und Robi­nie — wei­chen. Im Gegen­zug rich­tet die Ver­wal­tung ein “Baum­konto” ein, von dem zum einen Baum­neu­pflan­zun­gen — nach Maß­gabe der BI — in einem beacht­li­chen Umfang mög­lich wer­den. Zum ande­ren kann die BI frei ent­schei­den, aus die­sem Konto auch die Mehr­kos­ten zu zah­len, wel­che ent­ste­hen wür­den, wenn man den west­li­chen Brü­cken­teil nach ihrer Vor­gabe baut. Ent­schei­det sich die BI dafür, könn­ten die west­li­chen Brü­cken­bäume — die bei­den Berg­ahorne — geret­tet wer­den. Zudem ver­pflich­tete sich die Ver­wal­tung, den Abgang zur Mikwe pla­ne­risch so zu ändern, dass der neue Zugang der Bedeu­tung des mit­tel­al­ter­li­chen Bau­werks Rech­nung trägt.

Die BI mußte sich letzt­lich die alte Frage nach dem Spatz in der Hand oder der Taube auf dem Dach stel­len. Wir haben hart dis­ku­tiert und letzt­lich eine Mehr­heits­ent­schei­dung gefällt. Klar ist, es war für die meis­ten von uns keine leichte Ent­schei­dung. Auch den Stadt­rä­ten ist dies mehr­heit­lich bewußt, wie die Spre­cher von CDU, GRÜNEN und SPD in der Sonder-Stadtratssitzung am 2.Dezember deut­lich mach­ten. Wäh­rend uns die Ver­tre­ter der genann­ten Frak­tio­nen gro­ßen Dank für unsere Ent­schei­dung zuguns­ten der Stadt­ent­wick­lung aus­spra­chen, ent­schul­digte sich die Ver­wal­tung bei der Bür­ger­in­itia­tive für ihr Ver­hal­ten in den letz­ten Mona­ten und gelobte Bes­se­rung für den zukünf­ti­gen Umgang mit den Bür­gern. Wir wer­den sie an ihren Taten messen.

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Per­sön­li­ches Resü­mee von Dirk Stei­nig (BI-Mitglied):

Über Kon­flikte, Kom­pro­misse und zwei Sei­ten einer Brücke …

 

Kon­flikt:

Von einem Kon­flikt (von lat. con­f­li­gere, „zusam­men­tref­fen, kämp­fen“; PPP: con­flic­tum) spricht man, wenn Inter­es­sen, Ziel­set­zun­gen oder Wert­vor­stel­lun­gen von Per­so­nen, gesell­schaft­li­chen Grup­pen, Orga­ni­sa­tio­nen oder Staa­ten mit­ein­an­der unver­ein­bar sind oder unver­ein­bar erschei­nen (Inter­grup­pen­kon­flikt).    [aus Wikipedia]

Das Opti­mum ist ein scheues Tier. Und ein sehr sel­te­nes ist es auch.

Das Maxi­male ist sel­ten das Opti­male. Und das Opti­male sieht durch tau­send Augen 500mal anders aus.

Wenn man das Opti­male will, muss man meist das Maxi­male wol­len. Und maxi­mal bis an die Gren­zen gehen. Die eige­nen und die zwi­schen Oben und Unten. Die es eigent­lich nicht geben dürfte, weil Oben und Unten auf einer Ebene zu fin­den sein sollten.

Also bis an die Grenzen.

Aber nicht dar­über hin­aus. Sonst treibt man das Opti­mum an eine Abbruch­kante. Und dann stürzt es ab. Nach ganz unten. Auf das unterste Niveau. Das ist für alle Betei­lig­ten weni­ger als das Minimum.

 

Das war mir bewusst am Schluss. Fast am Ende eines lan­gen Weges, den wir gemein­sam gingen.

Wer ihn noch ein­mal gehen will, fin­det alle Pfade, Weg­wei­ser, Höhen und Tie­fen auf die­sen Seiten.

 

Das Opti­mum hat­ten wir for­mu­liert und das Warum auch.

Erhalt aller vier Brückenbäume.

Eine schma­lere Brücke.

Um diese bei­den Ziele zu errei­chen, haben wir unge­zählte Stun­den zusam­men gear­bei­tet. Frei­wil­lig, auf eigene Kos­ten und neben dem, was man „Lebens­un­ter­halt ver­die­nen“ nennt. Unei­gen­nüt­zig. Auch, wenn uns von der ande­ren Seite oft etwas ande­res unter­stellt wurde.

Es ging um mehr als die vier schö­nen und eben nicht zu erset­zen­den Bäume, von denen nun zwei einer neuen Brü­cke geop­fert wer­den, die die Stadt in ihrer Breite und Ansicht zur unab­än­der­li­chen Bedin­gung gemacht hatte. Das war ihre Grenze. Sicher eine Ansichtssache.

Aber eine Ansicht ändert sich nur, wenn man den Stand­punkt wech­selt. Die Stadt blieb auf die­sem Standpunkt.

 

Wir haben gestrit­ten. Mehr als ein Jahr und so inten­siv, wie es uns mög­lich war.

Ich sage: Mit der Stadt. Nicht gegen sie.

Auch, wenn es häu­fig anders dar­ge­stellt wurde. Denn es ging uns um etwas Gutes für viele Men­schen, kei­nes­wegs nur um uns.

Wir haben viel gelernt. Und die Stadt­ver­wal­tung auch.

Sehr ver­schie­dene Men­schen hat­ten ein gemein­sa­mes Ziel. Und wuss­ten sehr viel mehr Men­schen aus Erfurt und vie­len ande­ren Orten hin­ter sich. Uns haben ermu­ti­gende Zuschrif­ten aus vie­len Städ­ten Deutsch­lands erreicht. Das hat uns immer wie­der „auf­ge­stellt“ und gezeigt, dass wir auf einem rich­ti­gen Weg sind.

Dafür möchte ich die­sen Men­schen hier im Namen der Bür­ger­in­itia­tive herz­lich danken!

Nun sind wir am Ende eines Weges ange­kom­men. Es ist ein mög­li­ches Ende. Ein Ende von meh­re­ren Mög­lich­kei­ten. Ich weiß, dass es ebenso viele Mög­lich­kei­ten gibt, wie Men­schen die­ses Ende ein­schät­zen. Wie sie die Ergeb­nisse sehen.

Kom­pro­miss:

Ver­ein­ba­rung, bei der alle Betei­lig­ten einige Aspekte ihrer Vor­stel­lun­gen auf­ge­ge­ben haben, um zu einer Ent­schei­dung zu kommen.

[aus Wiki­pe­dia]

 

Mein Gefühl heißt Trau­rig­keit. Ich bin trau­rig, dass wir den wun­der­schö­nen Göt­ter­baum und die Robi­nie gegen­über nicht vor der Säge wer­den bewah­ren können.

Mein Kopf aber sagt mir auch, dass wir trotz­dem viel errei­chen konn­ten. Für die­sen Ort im Her­zen der Stadt. Für die Men­schen, die hier woh­nen und sich hier auf­hal­ten. Aber auch für die Bäume, die Bäume in Erfurt. Für das Bewusst­sein, wie wich­tig und eben nicht in Geld aus­zu­glei­chen der Wert die­ser Bäume ist.

Wir konn­ten die 5 Bäume an der Insel­spitze vor den Absich­ten der Stadt– und Land­schafts­pla­ner in Schutz neh­men. Weil diese Absich­ten, wie nicht sel­ten, mit denen der „ganz nor­ma­len Men­schen“ nicht über­ein­stim­men. Die Sicht­wei­sen und Vor­lie­ben der Ande­ren, ich meine jetzt nicht die nor­ma­len Leute, sind auf der Nord­seite der Krä­mer­brü­cke zu sehen. Grau statt Grün.

Wäre es nach den Pla­nern gegan­gen, hätte die süd­li­che Breitstromin­sel das glei­che Schick­sal in Stein ereilt. Aber: Die Pla­ner muss­ten zur Kennt­nis neh­men, dass den Bür­gern der Stadt Erfurt das ohne­hin geringe Grün in der Innen­stadt wich­tig und wert­voll ist. Nicht weniger.

Wir kön­nen zwei der vier Brü­cken­bäume retten.

Zwei eben­falls raum­prä­gende, gesunde und öko­lo­gisch bedeut­same Groß­bäume, etwa 70 Jahre alte Berg­ahorne. Sie sind es abso­lut wert, dau­er­haf­tes Auf­ent­halts­recht links und rechts einer Brü­cke zu bekom­men, die sich an der Ober­flä­che kaum von ihrer öst­li­chen Schwes­ter unter­schei­den wird.

Ich denke, dass dies ein Ergeb­nis ist, mit dem sich leben lässt. Viel bes­ser leben lässt, als mit den ursprüng­li­chen vir­tu­el­len Ansich­ten der Stadtplaner.

Ich kann jetzt nur für mich spre­chen. Denn auch inner­halb von uns paar Men­schen, die sich nicht hin­ter „Stadt­bäume statt Leer­räume“ ver­bar­gen, son­dern ein Jahr lang Gesicht und Namen zeig­ten, gibt es selbst­ver­ständ­lich unter­schied­li­che Gedan­ken und Gefühle mit die­sem Kom­pro­miss, der wohl  für kei­nen das Opti­male dar­stellt. Im bes­ten Fall das Maxi­male. Oder bes­ser gesagt:

Das maxi­mal Erreich­bare. Und zwar für beide Seiten.

Wir konn­ten die Stadt nicht von ihrem Stand­punkt abbrin­gen. Ich denke, wir haben alles getan, was in einer demo­kra­ti­schen Grund­struk­tur im Sinne des All­ge­mein­woh­les an Mit­teln und Wegen mög­lich ist. Viel­leicht wäre mit noch mehr akti­ver Bür­ger­be­tei­li­gung noch mehr mög­lich gewe­sen. In die­sem Sinne wol­len und kön­nen wir die Bür­ger nur auf­for­dern, sich ein­zu­brin­gen. Demo­kra­tie ist sonst nur ein lee­rer Begriff, so, wie man es lei­der zuneh­mend in der „gro­ßen“ Poli­tik antrifft.

Erfurt wird grüner.“

Sagte ein Ver­tre­ter der Stadt, der maß­geb­lich an der Kom­pro­miss­fin­dung betei­ligt war.

Ein Mann, dem wir ver­trauen. Das lässt auf­at­men und kli­ma­ti­sche Hoff­nung für eine Zukunft, in der Grün in einer Stadt im wahrs­ten Sinne lebens­wich­tig wird.

Ein öko­lo­gisch han­deln­der Mensch ist man übri­gens, wenn man öko­lo­gisch han­delt, Frau Hoyer. Das ist die per­sön­li­che Mei­nung. Von jeman­dem, der sich mal ver­wählt hatte.

 

Wir wol­len, was das Grün für Erfurt betrifft, das Maxi­male. Dafür wer­den wir uns wei­ter einsetzen.

Und die Rathausbrücke?

Sie wird:

Zu breit.

Zu nah an der Krämerbrücke…

…und eben auch zu domi­nant sein.

Aber: Wir wer­den mit ihr leben.

Und zwei alte Bäume ver­bin­den die Zeiten.

Die Rat­haus­brü­cke mit zwei gro­ßen und meh­re­ren (noch) klei­nen Bäu­men, mit Alt und Jung wird ein dau­er­haf­tes, nach­den­kens­wer­tes Sym­bol für einen Pro­zess sein, in dem Stadt­ver­wal­tung und Bür­ger lange, inten­siv, aber auch kon­struk­tiv mit­ein­an­der gestrit­ten haben.

Und die Stadt­füh­rer wer­den sich, je nach­dem, auf wel­cher Seite sie ste­hen, mit ver­schie­de­nen Stand­punk­ten und Blick­win­keln aus­ein­an­der­set­zen. Das sorgt für maxi­male gedank­li­che Bewegung.

Auch, wenn das Opti­mum von der Brü­cke aus gese­hen, nicht zu ent­de­cken sein wird.

 

Dirk Stei­nig, 28.November 2015